Ein kurzer Text über den Postbus, geschrieben für die Übung "Textproduktion" meines Germanistikstudiums. Dank gilt auch Prof. Dr. Gadeanu, dem der Text gefallen hat.
Der Postbus ist tot!
Dem Postbus wurde nun seine Eigenständigkeit genommen. Ein Nachruf.
Schon in grauer Vorzeit war er ein Mythos. Er brachte die Post in die entlegensten Bergdörfer und Gebirgstäler, dort, wo der Name Bundesbahn noch wie ein seltsam anmutendes, suhelisches Fremdwort aufgenommen wurde. Der Postbus kam zweimal am Tag, in der Früh, noch vor der Morgendämmerung und dann, wenn es schon wieder finster ward. Viel hat sich nicht verändert, lediglich das Ladegut hat sich im Laufe der Jahre verändert.
Immerwährendes. 1969 flogen die Amerikaner als erste Menschen zum Mond, ein paar Jahre später verübten Extremisten in Wien einen Anschlag auf die OPEC-Versammlung, 1986 explodierte ein Reaktor in einem kleinen ukrainischen Konglomerat namens Tschernobyl und 2001 erschütterte die Sache mit dem World Trade Center die ganze westliche Zivilisation. Der Postbus aber zog unermüdlich seine Runden, als wäre nie etwas passiert. Er fuhr weiterhin jeden Tag ganz zeitig in der Früh und ganz spät am Abend in die entlegenen Dörfer und Täler und war für diese sozusagen die Schnittstelle zu der großen, belebten Welt draußen.
Branding. In letzter Zeit sorgte der Postbus aber vermehrt für Verwirrung in den weItfremden, idyllischen Dörfern. Immer wieder kam er in neuem Gewande daher, aus dem Postbus wurde gemeinsam mit dem Bahnbus der Bundesbus. Als die gesamte Flotte schließlich neu lackiert und gebrandet war, wurde der Postbus wieder aus dem Verband des Bundesbusses ausgegliedert und wurde so der Post.Bus. Aus Liebe zur Sozialdemokratie fuhr er eine Zeit lang rote Zahlen ein, nach der Wende 2000 fuhr er schließlich langsam, aber beständig mit Fuhrparkerneuerungen und Reformen in die schwarzen Zahlen, um schließlich abermals vom Bahnbus übernommen zu werden.
Ausverkauf. Der Plan der ÖBB sah vor, Teile des Postbusses nach Übernahme sofort wieder zu verkaufen. Ein bis zwei drittel der gesamten Kraftfahrlinien sollten in gewinnbringenden Linienpaketen an private Unternehmen wie Dr. Richard oder Blaguss verkauft werden. Die Mitarbeiter des größten Busunternehmen Österreichs -- der Postbus hat eine Flotte von ungefähr 1600 Fahrzeugen -- befürchteten Verschlechterungen in ihren Dienstverträgen und den Ausverkauf der rentablen Linien und die damit zwangsläufig verbundenen Kürzungen der Linien, die die kleinen Bergdörfchen und Gebirgstäler befuhren. Streiks und Informationskampagnen seitens der Postbus-Gewerkschaft, solidarische Arbeitsniederlegung der privaten Busunternehmen folgten (Die Wiener Lokalbahnen waren das einzige Unternehmen in Wien und Umgebung, das nicht daran teilnahm), bis sich schließlich doch das Kapital durchsetzte.
Ein Unternehmen der ÖBB. Die Bahn übernahm also den Post.Bus, um ihn erneut umzustrukturieren. Der Post.Bus wurde um den fahrenden Schrotthaufen Bahnbus erweitert. Somit ergab sich die kuriose Situation, dass das Busunternehmen der Bahn der Post.Bus ist und nicht mehr der Bahnbus, wie man annehmen möchte. Die Fahrzeugflotte wird nun sukzessive in sandquarz umlackiert und erhält ein neues Logo mit Schriftzug: Postbus. Ein Unternehmen der ÖBB.
In diesem Sinne: Der Postbus ist tot! Es lebe der Postbus!
16. 08. 2006 | 02:04
Bei uns in <a href="http://www.amfedersee.de" title="Bad Buchau" rel="nofollow">Bad Buchau</a> war neulich auch ein Postbus!
Kommentar von Heinz Weiss am 11. 10. 2007 | 19:28